Die Nation – und warum ich Nationalstaaten ablehne

Benedict Anderson, definierte den Begriff Nation folgendermaßen: 

[…] I propose the following definition of the nation: it is an imagined political community – and imagined as both inherently limited and sovereign. […]

Ich finde diese Definition sehr passend: Eine Nation ist eine vorgestellte (imagined), politische Gemeinschaft oder Community, die einerseits beschränkt (im Sinne von Grenzen) und souverän ist. Das Gebiet, auf dem diese Nation existiert, ist also der Nationalstaat. Es gab vor dem Nationalstaat auch andere Modelle von Staaten und es wird auch nach Ende der Nationalstaaten noch menschliches Zusammenleben geben. Doch der status quo ist wie folgt: Die gesamte Landfläche der Erde ist aufgeteilt in Nationalstaaten bzw. bestimmten Nationalstaaten zugehörig.

Daraus ergibt sich für mich folgendes Problem: Man kann dem Nationalstaat nicht entkommen! Früher, vor der Globalisierung, vor Teerstraßen, Drohnen und Internet war das leichter, und den Vorgängern des Nationalstaats zu entkommen, war noch einfacher. Diese Vorgänger waren nämlich meist Königreiche oder Imperien ohne feste Grenzen, sondern vielmehr mit Einflussgebieten, und dieser Einfluss war eben mancherorts sehr gering bis nicht vorhanden. Ein Beispiel hierfür sind die Hochlandgesellschaften Südostasiens (dazu gibt es übrigens ein tolles Buch von James Scott, aber ich will ja hier keine Werbung machen…). Aber heute: Keine Chance! Auch der entlegenste Winkel der Erde wird von einem Staat kontrolliert, selbst auf 3000 m gibt es Straßen und Handyempfang.

Das ist nicht unbedingt schlecht, es sei denn, man möchte dem Nationalstaat entkommen. Und ich möchte das tatsächlich in gewisser Weise (auch wenn das natürlich in der Großstadt unmöglich scheint). Aber warum eigentlich?

Das hat verschiedene Gründe: Zum einen, da möchte ich wieder auf Anderson zurückgreifen, ist beispielsweise Deutschland eine ebensolche vorgestellte Gemeinschaft. Wenn man die Frage, wer überhaupt Deutscher ist (Deutscher Pass? Hier geboren? Ethnischer Deutscher?), geklärt hat, bleibt immer noch folgendes Problem: Auch wenn “wir” hier alle zusammen leben, sind “wir” trotzdem eben nur eine vorgestellte Gemeinschaft. Ganz ehrlich: Die meisten anderen Menschen hier gehen mir am Arsch vorbei. Ich kenne noch nicht einmal die meisten meiner Nachbarn. Und da will mir einer erzählen, es gibt ein deutsches Volk? Ein Volk von Menschen, die sich nicht vertrauen, die ihren Müll auf die Straße werfen, die sich im Straßenverkehr regelrecht bekriegen, die ihre Mitmenschen aus unsinnigen Gründen zusammenschlagen – davon bin ich Teil? Und das wider Willen, bis zum Ende meines Lebens? Klar, ich könnte wegziehen. Aber auch anderswo gibt es diese Probleme, da brauche ich mir keine Illusionen machen. Ich könnte stattdessen auch versuchen, mit allen Leuten, die unser gesellschaftliches Leben nicht gerade besser machen, zu reden und versuchen, sie eines Besseren zu belehren. Aber davon mal abgesehen, dass die Lebensspanne eines Menschen nicht ausreicht, um 80 Millionen Mitmenschen die eigene Sicht der Welt zu erklären, wer gibt mir das Recht, über andere zu urteilen? Vielleicht ist es für manche Menschen einfach ok, ihren Müll überall hinzuschmeißen! Und manche wollen vielleicht lieber Atomkraft. Aber dann sollen sie ihren Müll doch in ihren eigenen Garten werfen (ok, wenn sie einen haben….) und den atomaren Endmüll in ihrer eigenen Bude lagern!

– Unsere “Nation”, unsere Gemeinschaft, ist meines Erachtens einfach zu groß. Unser Zusammenleben beschränkt sich meist auf den kleinsten gemeinsamen Nenner, sich nicht gegeneinander zu erschießen und möglichst wenig miteinander zu reden. Wie traurig das eigentlich ist! Wäre es nicht viel cooler, in meinem Viertel oder nur in meinem Wohnblock würden nur Menschen leben, die ich kenne und mag?

Ein weiteres Problem nationalstaatlicher Gebilde, ist die Demokratie. In einem hypothetischen Dorf mit 500 Einwohnern, ohne Einfluss von außen, könnte es vermutlich ziemlich demokratisch zugehen. Egal in welcher Form das Zusammenleben politisch organisiert würde, es könnte alle Einwohner weitestgehend zufrieden stellen. Und obwohl schon 500 ziemlich viel ist, würde man seine Mitmenschen wenigstens über ein paar Ecken kennen. Das wäre bei der Lösungsfindung auch ziemlich gut, denn ohne gegenseitiges Verständnis und Empathie auch bei völlig unterschiedlichen Meinungen funktioniert Demokratie schlecht.

Wohingegen bei besonders großen politischen Gebilden wie Deutschland, der EU, …. die Demokratie ziemlich kurz kommt. Denn je mehr verwaltet werden muss, desto abstrakter wird das alles, von einer Mitmach-Demokraite zu einer repräsentativen, wo wir nur alle paar Jahre unser Kreuzchen auf irgendeinen Schein setzen und uns danach darüber aufregen müssen, dass “in Brüssel” wieder so eine unsinnige Regelung erlassen wurde.

Worauf ich also hinaus will: Der Nationalstaat ist einfach zu groß! Die Nation ist nicht mehr als eine leere Worthülse, und das eigene Leben in diesem riesigen Staat ziemlich fremdbestimmt. Und in der globalen Welt wird das alles noch extremer, das ist klar. Die globalen politischen und ökonomischem Verflechtungen machen das Zusammenleben noch schwieriger. Und wie sollen wir bitte fröhlich und friedlich im global Village zusammenleben, wenn nicht einmal das Zusammenleben in größeren Städten zur Zufriedenheit aller funktioniert?

Ich habe leider keine konkreten Lösungsvorschläge für dieses Problem. Ich kann nicht abschätzen, was passiert, wenn man die Staaten zerschlägt und administrativ in minimal kleine Einheiten aufteilt. Würde das besser funktionieren? Ich denke ja, kann nur noch nicht sagen, wie.

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