Nationalstaat ade?

Seit wann gibt es “Deutschland”? Seit 1871? Seit 1945? Seit 1989? Egal, welche Antwort man als richtig erachtet, Deutschland als Nationalstaat existiert erst seit 140 Jahren, und in seiner jetzigen Form erst seit knapp über 20 Jahren.

Was bei den öfters mal zu Tage tretenden “Multikulti” Debatten (z.B. aktuell zur Einführung eines muslimischen Feiertags) vergessen wird: Die Idee, das ein Volk mit einer Sprache innerhalb eines staatlichen, souveränen Territoriums, und auch nur da, zusammenlebt, ist im Vergleich zur Geschichte der Menschheit relativ neu. Und hat in der Praxis eigentlich nirgendwo funktioniert.

Ich zitiere hier einmal Wikipedia: 

Ein Nationalstaat ist ein Staatsmodell,[1] das auf der Idee und Souveränität der Nation beruht. Sprachliche, kulturelle oder ethnischeHomogenität wurden zwar im Diskurs um die Nation oft als Voraussetzung des Nationalstaates benannt, sind aber in der Realität nirgends vollständig verwirklicht. Die Ideen der Nation und des Nationalstaats werden auch als Konstrukte bezeichnet. […]

Wie sieht jedoch die nationalstaatliche Realität aus? In Europa gibt es seit etwa 200 Jahren mehrere Nationalstaaten. Im Rest der Welt wurden nationalstaatliche Grenzen während der Kolonialzeit geschaffen. Und oft auf der Karte gezogen. Die Folge nach Ende der Kolonialzeit: In Afrika gibt es gleich mehrere failed states, in vielen Teilen des Kontinents herrscht Bürgerkrieg. Auch in Ländern wie Burma (die dortige “Mehrheit” der Burmesen stellt nur knapp mehr als die Hälfte der Gesamtbevölkerung) gibt es seit der Unabhängigkeit einen ständig andauernden Konflikt verschiedener ethnischer Gruppen. Auch in Osteuropa gab und gibt es kriegerische Auseinandersetzung und Separatismusbewegungen (Kosovo).

Auf der anderen Seite werden nationalstaatliche Grenzen, selbst dort wo sie funktionieren, immer unwichtiger. Innerhalb Europas gibt es nicht einmal mehr Grenzkontrollen. Und multinationale Großkonzerne nutzen das System der Nationalstaaten sogar gezielt aus: Hier günstig produzieren, dort steuerfrei Geld bunkern, woanders verkaufen und verdienen. Das Konzept Nationalstaat führt sich also immer wieder selbst ad absurdum.

Vielleicht wird schon in naher Zukunft die Bedeutung nationalstaatlicher Grenzen stark abgenommen haben. Ich würde es jedenfalls stark begrüßen. Denn erstens funktioniert da Konzept Ein Volk – Eine Sprache – Ein Territorium nicht, sondern führt oft zu Kriegen und fast immer zu Fremdenfeindlichkeit. Und zweitens bin ich sowieso der Meinung, dass Demokratie nur auf lokaler Ebene wirklich funktionieren kann, und alles, was darüber hinausgeht, ist zumindest teilweise diktatorisch.

Advertisements
Standard

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s